Manifest

Unser aktuelles Wirtschaftssystem forciert kulturelle Praktiken und Werteorientierungen, die Menschen krank machen, Ihre Lebensgrundlage zerstören und das Ökosystem des Planeten bedrohen. Gleichzeitig lebt unser derzeitiges Wirtschaftsystem von eben diesen kulturellen Praktiken und Wertorientierungen, die es (mit)produziert. Der Wandel hin zu einer Postwachstumsgesellschaft geht also einher mit einem grundlegenden Wandel unserer kulturellen Wertvorstellungen und Handlungsmuster. Künstlerische Artikulationsformen, die potentiell allen Menschen offen stehen und nicht beschränkt sind auf die Arbeit von professionellen Künstler_innen, können diesen Wandel auf unterschiedlichen Ebenen produktiv begleiten und fördern.

  • Künstlerische Artikulationen brechen eingefahrene kulturelle Wahrnehmungsgewohnheiten auf, machen Ungesehenes sichtbar und eröffnen neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes. Sie schaffen so Möglichkeitsräume, Neues und Anderes zu denken und zu fühlen, arbeiten mit an der Kreation neuer kultureller Sinnangebote und eröffnen Menschen die Möglichkeit, sich von dominanten Wahrnehmungs- und Kommunikationsmustern zu befreien.
  • Eine zentrale Frage bei der Entwicklung neuer kultureller Praktiken und Wertorientierungen ist die nach dem guten Leben. Künstlerische Artikulationsformen stellen einen Weg dar, sich entsprechend der eigenen Bedürfnisse zu entwickeln. Wir verstehen sie als Teil einer gesellschaftlichen Utopie, in der Menschen sich als Artikulierende, Handelnde und Gestaltende und nicht als Objekte der Artikulationen und Handlungen einer kleinen Elite erleben. Künstlerischer Ausdruck kann in diesem Sinne ein emanzipatorischer Weg zu mehr Selbstbestimmung und zu mehr Lebensqualität über materielle Bedürfnisbefriedigung hinaus sein.
  • Der Wandel eigener kultureller Wertvorstellungen und Handlungsmuster ist kein ausschließlich rationaler Prozess. Unsere Lebens- und Denkweisen sind im Laufe einer langen Sozialisationsgeschichte Teil unserer Körper geworden. Das ist ein wichtiger Grund, warum wir zwar häufig viele Dinge wissen, aber deshalb noch nicht danach handeln. Soll es zu grundlegenden Veränderungen unseres Wertesystems kommen, dann muss dieser Wandel von Lernprozessen begleitet werden, in denen der Umgang mit unseren Gefühlen und unserem Körper eine zentrale Rolle spielt. Indem er über das rationale Erfassen hinaus auch eine emotionale Verbindung zu den zu behandelnden Themen herstellt, fördert künstlerischer Ausdruck solche Lernprozesse.

All das führt uns zu der Auffassung, das künstlerische Artikulationsformen bei einem Kongress, der die Frage stellt, wie wir in Zukunft leben wollen, mehr sein müssen als ein exotisches Konsumgut für den ermüdeten Geist am Ende des Tages.
Die Entscheidung, alternativen Kommunikationsformen auf dem Kongress „Jenseits des Wachstums?!“ mehr Raum zu geben, als das sonst bei einem politisch-wissenschaftlichen Kongress dieses Formats üblich ist, wertet diese auf, zeigt praktisch, was mit dem Wort „Wertewandel“ gemeint sein könnte und macht das Thema des Kongresses erlebbar.
Sie ist ein Schritt in Richtung einer neuen Kommunikationskultur, einer Kultur, welcher ein ganzheitlicheres Bild vom Menschen zugrunde liegt, einer Kultur, die unterschiedliche Formen von Wissensproduktion gleichberechtigt nebeneinander bestehen lässt und in einen Dialog bringt. Ein ganzheitlicheres Menschenbild ist, in Abkehr von immer noch dominanten Diskursen vom homo oeconomicus, zugleich eine notwendige Voraussetzung für neue und inspirierende Antworten auf die Frage, welche Werte es sein könnten, nach denen wir in Zukunft unser Leben ausrichten.

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